Etwas ist jetzt anders – Erfahrungsbericht einer Panikattacke

Zur Einordnung: Diesen Text habe ich im Laufe meines sechsmonatigen Aufenthalts in einer psychiatrischen Tagesklinik geschrieben. Das Erlebte ist jetzt genau ein Jahr her. Ich musste alles erstmal sacken lassen und verarbeiten. Aber ich will meine Erfahrung trotzdem oder gerade deshalb teilen. Denn ich möchte nicht, dass andere Menschen in diese Situation kommen und vielleicht helfen diese Zeilen dabei. 

// Warnhinweis: In diesem Artikel wird explizit und ausführlich über Panikattacken geschrieben. Wenn du damit ein Problem hast, solltest du diesen Artikel nicht lesen, oder dabei zumindest nicht alleine sein. //

Vor der Panikattacke

Wenn es darum geht, dass sich Leute krank zur Arbeit schleppen, selbst wenn sie nur einen kleinen Schnupfen haben, bin ich normalerweise die erste Person die sagt: „Geh nach Hause, ruh dich aus.“ 

Für mich selbst lasse ich diese Regel oft nicht gelten, da auch mir der gesellschaftliche Zwang zur Leistungsfähigkeit und Loyalität gegenüber meine*r Arbeitgeber*in von klein auf eingetrichtert wurde. 

Durch dieses toxische Gesellschaftsbild bin ich richtig tief gefallen – so tief, wie noch nie.

Alles fing irgendwie an mit einer sehr schmerzhaften ISG-Blockade, die ich mir zugezogen hatte, weil ich mal wieder viel zu lange gar nichts für meinen Körper getan hatte und dann gleich wieder bei 1000% einsteigen wollte. Ich habe wochenlang keinen Termin in einer Orthopädiepraxis bekommen, arbeitete weiter im Homeoffice, denn da konnte ich mich ja „schonen“ und schleppte mich unter größten Schmerzen zu einem Dreh, weil ich meine Kolleg*innen nicht im Stich lassen wollte.

„Ich wusste, dass ich ein bestimmtes Antibiotikum nicht so gut vertrage. Leider wusste ich aber nicht mehr, welches Medikament es war.“

Als ich es irgendwann schaffte, einen Orthopäden zu sprechen, waren mein Schmerz- und mein Stresslimit schon ganz schön ausgereizt. Ich bekam eine Kortisonspritze ins Gelenk und fertig.

Trotzdem machte ich ohne Pause weiter – die Schmerzen waren ja jetzt weg. 

Darauf folgte dann prompt eine Blasenentzündung – eigentlich kein Ding, wenn man frühzeitig zum Arzt geht und sich ein bisschen schont… Aber ich schleppte sie zwei Wochen mit mir rum, bis sie so schlimm war, dass ich mir direkt ein Antibiotikum geben lassen musste.

Ich wusste, dass ich ein bestimmtes Antibiotikum nicht so gut vertrage. Das hatte ich schon mal bei einer Nierenbeckenentzündung (die wahrscheinlich auch durch zu viel Stress kam) und darauf hatte meine Psyche damals nicht so toll reagiert. 

Leider wusste ich aber nicht mehr, welches Medikament es war und so schloss ich das aus, was nach der Aufzählung vom Arzt am bekanntesten klang. 

Das andere nahm ich mit.

Die Panikattacke

Am Abend nehme ich die erste Tablette ein.

Ich liege auf der Couch, als mein Körper anfängt zu jucken. Ich hatte irgendwo mal aufgeschnappt, dass Hautjucken bei Medikamenten kein gutes Zeichen ist und meistens dafür spricht, dass man es nicht verträgt. Da ich zu einer gewissen Hypochondrie neige, will ich mich nicht reinsteigern und akzeptiere, dass es eben juckt. Immer und immer doller…

Irgendwann greife ich doch zum Handy und google „Nebenwirkungen Cotrim forte“. 

netdoktor.de spuckt mir folgendes aus: „Häufige Nebenwirkungen sind allergische Reaktionen der Haut, die sich als Juckreiz (Pruritus) oder Hautausschlag (Exanthem) äußern können.“ 

Sofort beginnt mein Herz doller zu schlagen. Ich spüre wie das Blut gegen meine Halsschlagader drückt und sich der Bereich um mein Herz herum zusammenzieht. Es fühlt sich an, als wäre mein Herz jetzt für meine Sauerstoffzufuhr verantwortlich und die Menge der Luft ist begrenzt auf einen Strohhalm, der von meinem Herz über meine Halsschlagader in meinen Mund geleitet wird.  

Ich werde unruhig und fange an zu schwitzen. Ich reibe immer und immer wieder meine Füße aneinander und kratze abwechselnd mit meinen Zehen über meinen Fußrücken. Irgendwann setze ich mich ruckartig auf. Ich atme mehrmals schwer aus, versuche mit großen Atemzügen Luft zu holen.

„Hier steht, dass man allergisch auf das Medikament reagiert, wenn die Haut juckt“, sage ich zu meinem Freund. Meine Stimme zittert.

„Da wird schon nichts sein, Anna. Entspann dich“, sagt er zu mir und guckt weiter auf den Fernseher. „Na Gut“, denke ich und kratze weiter an meiner Brust und den Beinen. 

Irgendwann gehen wir schlafen, am nächsten Morgen ist das Jucken weg. Bis ich die nächste Tablette nehme. Auch hier geht es kurze Zeit später wieder los.

Es ist der Geburtstag von meinem Freund und wir sind grade auf dem Weg zum Markt, wie jeden Samstag, und ich kratze mich die ganze Zeit wie blöde. Ich versuche, mich zu beruhigen, aber Angst und Unbehagen flammen immer wieder in mir auf. Ich bin den gesamten Marktbesuch angespannt. 

Am Abend wollen wir mit der Familie meines Freundes essen gehen, vorher brauche ich dringend nochmal eine Pause. Als wir nach Hause kommen, legen wir uns für einen Mittagsschlaf hin. Normalerweise würde ich auf der Couch vorm Fernseher wegdösen, aber dafür bin ich zu angespannt. Ich gehe ins Schlafzimmer und zwinge mich, zu schlafen. 

Ich stelle mir den Wecker auf eineinhalb Stunden, bevor wir losgehen müssen. Als er klingelt fühle ich mich gerädert. Ich stehe aus dem Bett auf und gehe zu meinem Freund ins Wohnzimmer. Bereits auf dem Weg dorthin merke ich, dass meine Anspannung nicht weg ist. Im Gegenteil, sie ist noch stärker geworden. 

Ich versuche sie runterzuschlucken, es gelingt mir nicht wirklich. Sie sitzt fest in meinem Hals, in meinem Kopf, in meinem Körper. Alles fühlt sich irgendwie an, wie unter Strom. So, als wären tausend kleine Ameisen in meinem Körper. 

„Irgendwas stimmt nicht mit mir, schreie ich.“

Vor meinen Augen wird es krisselig – wie so oft, wenn ich in starken Angstsituationen bin. Ich stehe von der Couch auf und gehe in die Küche. Ich will mir ein Stück vom Käsekuchen holen, den ich am Vorabend noch gebacken habe – „Vielleicht brauche ich einfach nur ein bisschen Zucker“, denke ich.

Ich hole den Kuchen aus dem Kühlschrank und schneide mir ein Stück heraus. Ich esse es direkt aus der Hand. Bereits beim zweiten Bissen wird mir klar: hier stimmt was nicht. Ich sehe auf dem rechten Auge nur noch verschwommen und habe das Gefühl, dass es immer dunkler wird.

Schlagartig wird mir heiß und kalt gleichzeitig. Mir läuft ein Schauer den Rücken runter und ein heißer Blitz schießt in meinen Kopf. In der gleichen Sekunden wird mir kotzübel. Mein Atem ist wieder auf Strohhalmmenge begrenzt und ich ringe nach Luft. Ich bin panisch, so richtig richtig panisch. Ich lasse den Kuchen fallen und renne ins Wohnzimmer. 

„Irgendwas stimmt nicht mit mir“, schreie ich.

Ich weiß nicht wohin mit mir, ich kann nichts fixieren, mein rechtes Auge ist immernoch verschwommen. Mein Freund wirkt überfordert. „Anna, beruhige dich. Alles ist gut. Atme ruhig.“ 

„Nichts ist gut, ich kann nichts mehr sehen, ICH KANN NICHTS MEHR SEHEN.“ 

Ich kauere mich in die Ecke der Couch und wiege mich vor und zurück.

Vogelperspektive auf eine junge blonde Frau die auf dem Boden kauert. Aus dem Artikel: Etwas ist jetzt anders. Panikattacke
Während einer Panikattacke kann mich eigentlich niemand beruhigen. © Daria Weßling

Ich kann nicht auf der Couch sitzen bleiben, ich muss mich bewegen. Ich springe auf, renne im Wohnzimmer hin und her. Schaue mich wie wahnsinnig um. „Ich kann nichts sehen, ich kann nichts sehen.“ Ich setzte mich auf den Boden und wiege mich wieder vor und zurück. 

„Kann es sein, dass du eine Panikattacke hast?“, fragt mich mein Freund.

„Ich weiß es nicht. Ich, ich glaube schon.“ Ich wiege mich weiter. Und wieder muss ich mich bewegen. Ich springe auf und renne ins Badezimmer. Ich reiße den Badschrank auf, suche meine Notfalltavor. Die, die ich vor drei Jahren von meinem Hausarzt bekommen habe, nach meiner ersten Panikattacke. Aus Angst vor einer Abhängigkeit habe ich sie nie genommen.

„Jetzt ist es vorbei. Ich hab es übertrieben. Mein Kopf ist kaputt.“

Wo sind diese Scheißdinger???? Mein Angstlevel ist so hoch wie nie zuvor in meinem Leben. Alles um mich herum passiert in rasender Geschwindigkeit. Ich atme viel zu schnell. Ich hyperventiliere.

Im Badschrank werde ich nicht fündig. Ich lasse ihn aufgerissen stehen. Ich renne in den Flur und räume das Kästchen auf der Kommode aus. Auch hier: Fehlanzeige. Ich renne ins Schlafzimmer und reiße meine Nachttischschublade auf und durchwühle sie – nichts.

„Ich werde verrückt. Jetzt werde ich verrückt“, schreit es in meinem Kopf.

Ich beuge mich über die Badewanne. Ich will mir Wasser ins Gesicht spritzen. Dabei möchte ich meinem Freund zu verstehen geben, dass wir ins Krankenhaus müssen. Denn aus dieser Situation komme ich nicht ohne Hilfe raus.

„WIR MÜSSEN INS HAUSKRANK, SOFORT.“ 

Was habe ich da gesagt? Hauskrank? Aber ich habe den Satz doch eben richtig gedacht. In meinem Kopf habe ich Krankenhaus gesagt. Mir wird noch heißer und übler. Weitere Sätze folgen in so einem Kauderwelsch. Ich fange an zu weinen.

„Jetzt ist es vorbei. Ich hab es übertrieben. Mein Kopf ist kaputt. Ich habe die Kontrolle über meine Sprache verloren“ denke ich, während mir die Tränen übers Gesicht laufen und ich immer und immer panischer werde. Immer wieder fühle ich meinen Puls am Hals. Mein Herz rast.

Jetzt schreie ich nur noch einzelne Worte, in der Hoffnung, dass sie richtig herauskommen. 

„Krankenhaus“, „Krankenwagen“, „Sofort.“

Mein Freund telefoniert bereits mit seinen Eltern, die eigentlich gerade auf dem Weg zum Restaurant sind, in dem wir in einer halben Stunde reserviert hatten um seinen Geburtstag zu feiern. Sie machen sich auf den Weg zu uns. 

„Sollen meine Eltern dich ins Krankenhaus fahren, oder willst du mit dem Krankenwagen fahren?“

„KRANKENWAGEN“, schreie ich. 

Ich kann nicht mehr. Ich setze mich im Flur auf den Boden, lege meinen Kopf auf der Sitzbank ab. So bleibe ich, bis seine Eltern kommen. 

„Ich fühle mich wie im Rausch als wir durch den Hausflur zum Krankenwagen gehen.“

Mein Freund ist überfordert, er nimmt etwas Abstand. Seine Mutter setzt sich zu mir, streichelt mir den Kopf. „Es tut mir so leid für ihn, es tut mir so leid“, sage ich immer und immer wieder. Sie redet leise mit mir, aber ich höre nicht richtig was sie sagt. Ich bin weit weg, alles um mich herum ist wie in Watte. 

Als die Sanitäter*innen eintreffen, bin ich langsam wieder halbwegs ansprechbar. Mein Kopf liegt immer noch auf der Bank. Ich versuche, mich aufzurichten. Es fällt mir schwer. Sie fragen mich, was passiert ist. Ich versuche es zu schildern. 

„Hatten sie schon mal Panikattacken?“, fragt mich die Sanitäterin. 

„Ja, schon mehrmals, aber das ist eigentlich schon länger her.“ Ich erzähle ihr noch, dass ich momentan ängstlicher bin, aber eigentlich keine Panikattacken habe. Alles was ich vergesse, versucht mein Freund zu ergänzen. 

Ich sage, dass ich allergisch auf das Antibiotikum reagiere.

„Haben sie den Beipackzettel gelesen?“ Die Sanitäterin schaut mich an.

„Ja, aber erst nachdem ich Symptome hatte.“

„Mhm.“ Sie notiert sich etwas in ihr Tablet. 

„Nagut, dann fahren wir mal. KEH Krankenhaus, oder?“ 

Mein Freund versucht sie davon zu überzeugen, dass das KEH nicht für uns zuständig ist, sondern ein anderes Krankenhaus. Sie beraten sich. „Naja, es sind halt die Blasenentzündung und die Panikattacke. Wir fahren ins KEH.

Mittlerweile kann ich wieder auf meinem rechten Auge sehen, krisselig ist trotzdem alles. Ich fühle mich wie im Rausch als wir durch den Hausflur zum Krankenwagen gehen.

Ich werde auf die Liege gepackt und wir fahren los. Die Sanitäterin steigt zu mir nach hinten, ihr Kollege fährt. Er schaltet die Sirene an und wir rasen los. 

Ich weine erst und werde irgendwann ganz still. „Ich bin verrückt, ich habs verkackt, ich bin verrückt“, kreisen die Gedanken in meinem Kopf.

Nahaufnahme einer weinenden jungen Frau. Aus dem Artikel: Etwas ist jetzt anders. Panikattacke
Ich glaube, ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt, wie an diesem Tag. © Daria Weßling

Im Krankenhaus

Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, bis sich die Türen des Rettungswagens wieder öffnen und ich in die Notaufnahme geschoben werde. 

Ich bin ansprechbar, fühle mich allerdings sehr apathisch. Die Angst ist immer noch auf einem hohen Level und ich begreife noch nicht so richtig, was gerade passiert.

Die Sanitäter*innen versuchen, mich anzumelden. Eine Pflegerin kommt auf uns zu. Sie schildern die Lage. „Ja ne, für Panikattacken sind wa‘ hier nicht zuständig. Wenn sie in der Husestraße* wohnt, müsst ihr mit ihr ins andere Krankenhaus.“ 

Jedes Krankenhaus hat bei psychischen Notfällen einen bestimmten Wohnkreis, um den sie sich kümmern müssen. Egal, ob ein anderes Krankenhaus näher an deiner Wohnung liegt – fällt deine Straße einem anderen Krankenhaus zu, musst du dorthin. 

Aber da ist ja noch die Sache mit der Blasenentzündung, merkt die Sanitäterin an. 

„Na wat woll’n se denn zuerst behandelt haben junge Frau?“, fragt mich die Pflegerin jetzt direkt. 

„Ich, ich, die Panik, die Panikattacke soll aufhören.“ Ich sinke zurück auf die Trage.

„Na dann müssen se ins andere Krankenhaus“ 

Ich brauche dringend etwas zur Beruhigung. Ich wende mich an die Sanitäterin und bitte sie, ob sie für mich nach einer Tavor fragen kann.

„Mein Freund hat auf mich gewartet, alleine im Krankenhaus, an seinem Geburtstag.“

Ich bekomme eine, danach werde ich zurück in den RTW geschoben und wir fahren los in das andere Krankenhaus.

Wieder mit Sirene. Dieses Mal dauert der Weg noch länger. Meine Angst ist immer noch da. Ich schreibe meinem Freund: „Ich muss in das andere Krankenhaus“.

Dort angekommen, werde ich im Flur in einer Ecke abgestellt. Ich bekomme einen Zugang und muss eine Urinprobe abgeben. Zwei Stunden nachdem ich die Tavor genommen habe, setzt ihre Wirkung endlich ein. Ich liege immer noch im Flur und warte auf die behandelnde Ärztin. 

Ich bin erschöpft, schlafe immer wieder ein. Irgendwann kommt die Ärztin. Sie gibt mir ein Antihistaminikum und ein neues Antibiotikum mit. Um halb neun kann ich endlich gehen.

Mein Freund hat auf mich gewartet, alleine im Krankenhaus, an seinem Geburtstag. 

Wir fahren nach Hause, die Tavor hat mittlerweile ihre volle Wirkung entfaltet. Ich bin todmüde aber endlich nicht mehr angespannt. Zuhause lege ich mich ins Bett und schlafe schnell ein.

Der Tag nach der Panikattacke

Als ich aufwache, geht es mir nicht gut. Ich bin wieder wahnsinnig angespannt, der gestrige Tag steckt mir mehr als nur in den Knochen. 

Etwas ist jetzt anders. 

Die Angst hat mich jetzt komplett im Griff.

Am Abend sind wir mit Freund*innen verabredet, um den Geburtstag meines Freundes nachzufeiern. Es fällt mir schwer, sehr sehr schwer. Ich habe immer wieder Panikattacken und diffuse, starke Ängste. Es ist mir schnell zu laut und ich muss mit einer Freundin spazieren gehen. 

Junge blonde Frau hinter Duschwand mit Wassertropfen wischt sich Wasser aus dem Gesicht. Aus dem Artikel: Etwas ist jetzt anders. Panikattacke
Ich habe mich gefühlt, als wäre ich unter Wasser und nicht in der Lage aufzutauchen. © Daria Weßling

Irgendwann ist meine Angst so stark, das ich nach Hause gehen will. „Ich kann nicht alleine sein gerade“, sage ich zu meinem Freund und sehe, wie schwierig das für ihn ist. Denn eigentlich möchte er gerne noch bei seinen Freund*innen sein. Normalerweise würde ich das auch niemals von ihm verlangen, mit mir mit zu gehen. Aber ich merke, dass es wirklich nicht anders geht. Zu groß ist meine Angst mit meinem Kopf alleine zu sein. 

Wir gehen, beide zerknirscht, nach Hause.

Das war ein Samstag. Am Montag darauf melde ich mich krank. „Ich war am Freitag im Krankenhaus und muss nochmal zum Arzt“, schreibe ich in den Slack–Channel meiner Arbeit. Am Dienstag arbeite ich wieder. 

Etwas ist jetzt anders. 

Portrait einer jungen blonden Frau die emotionslos in die Kamera schaut. Aus dem Artikel: Etwas ist jetzt anders. Panikattacke
Auf Angst und Panik folgt bei mir mittlerweile direkt Derealisation und Depersonalisation. © Daria Weßling

Seit der Panikattacke habe ich jeden Tag starke Angst. Nichts kann mich ablenken, auch die Arbeit nicht.

Ich hab Angst davor zu schlafen oder generell die Augen zu schließen. Zu groß ist die Panik vor der Dunkelheit, vor den Bildern, die kommen. Ich habe Angst zu sterben, Angst verrückt zu sein, Angst eine Psychose zu haben. Angst, Angst, Angst….

Es ist das einzige, was ich fühle. So geht das zwei Wochen ununterbrochen. Ich habe in der Zwischenzeit, aus ursprünglich anderen Gründen, einen Termin bei einer Psychiaterin. Ich lasse mir von ihr Notfalltavor geben, denn ich will eigentlich im August eine Workation auf Sizilien machen. „Damit schaffe ich das bestimmt. Der Urlaub wird mir gut tun“, denke ich.

„Dann musst du dir jetzt aber wirklich Hilfe holen Anna, sagt meine Freundin.“

Alles ist geplant, alles ist gebucht. 

Zwei Tage vor Abreise sage ich ab. Ich schaffe es nicht. Ich vertraue mir nicht und die Vorstellung in ein Flugzeug zu steigen, so weit weg von meinem Zuhause, meiner Familie und von Krankenhäusern zu sein, in denen man meine Sprache spricht, treibt mich direkt in die nächste Panikattacke. 

„Dann musst du dir jetzt aber wirklich Hilfe holen Anna“, sagt meine Freundin, kurz bevor wir das Telefonat beenden in dem ich unter Tränen sage, dass ich nicht mit ihr fliegen werde. 

Einen Tag später rufe ich in der Tagesklinik der Charité an und vereinbare einen Termin zum Vorgespräch und lasse mich krank schreiben. 

Das war vor acht Monaten. Etwas ist jetzt anders.

Junge Frau, die auf einer Badewanne sitzt. Aus dem Artikel: Etwas ist jetzt anders. Panikattacke
Ich war nach diesem Tag sehr lange sehr weit weg von mir selbst. © Daria Weßling

Aber warum schreibe ich all das so detailliert auf?

In erster Linie war es eine Therapieaufgabe – eine Exposition um dieses für mich sehr traumatische Erlebnis verarbeiten zu können. Am Ende möchte ich damit aber auch versuchen anderen zu helfen.

Denn ich weiß zwar nicht, ob ich nicht so oder so an diesen Punkt gekommen wäre, aber ich glaube, hätte ich viel viel früher auf meinen Körper gehört (schon vor der ISG-Blockade) wäre all das nicht passiert. Und etwas wäre jetzt nicht anders. 

„Ich habe es lange ignoriert und meine Quittung bekommen.“

Deshalb BITTE: Geh nicht krank arbeiten, auch wenn du der Meinung bist „Es ist ja nur Homeoffice“ oder „Andere bleiben damit nicht zuhause“.

Am Ende wird keiner deiner Kolleg*innen oder Chef*innen dein Leben führen, die bleibenden Schäden die daraus resultieren können, für dich tragen oder deiner Familie erklären, warum es dir so schlecht geht. Lohnarbeit ist in unserer Gesellschaft zwar (leider) wichtig, aber sie ist nicht wichtiger als deine Gesundheit. Ich hatte das Glück, eine*n sehr verständnisvolle*n Chefin/Chef und Kolleg*innen zu haben, für die „Mental Health“ nicht nur ein Modebegriff ist, der sich gut in der Stellenausschreibung macht. Ich werde auch nirgendwo mehr arbeiten, wo das nicht der Fall ist.

Und krank heißt übrigens auch: Übermüdung, ständiges erschöpft sein, anhaltende Traurigkeit, ständig wiederkehrender Herpes, etc. Dein Körper möchte dir damit etwas sagen, ignoriere das nicht.

Ich habe es lange ignoriert und meine Quittung bekommen. Seitdem arbeite ich mühsam daran, wieder zu einer Normalität zu finden. Ob ich das schon geschafft habe, weiß ich selber noch nicht. Das wird sich mit der Zeit hoffentlich zeigen. 

Aktuell weiß ich nur: Etwas ist jetzt anders. 

*von der Redaktion geändert

Titelbild: © Daria Weßling

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