10 Jahre Selbsthass – Ich habe die Schnauze voll davon!

Vorab möchte ich direkt klären, was genau ich mit Selbsthass meine. Deshalb zum Verständnis, hier mal ein paar Beispiele: “Du bist fett und hässlich. An dir schwabbelt alles. Deine Beine sind mit Cellulite übersät. Du hast zugenommen. Dein Doppelkinn ist viel zu groß. Wenn du so vor die Tür gehst, sieht jede*r, wie dick du wirklich bist. Du kannst nichts. Du brauchst dieses Projekt gar nicht anzufangen, das wird eh nichts. Andere sind besser als du.” Diese Sätze würde ich niemals zu einem anderen Menschen sagen. Wieso sage ich sie also zu mir? Seit über zehn Jahren…

SEIT ZEHN JAHREN. Als ich diese Zahl vor kurzem realisierte, wurde ich traurig. Zehn Jahre, in denen ich zu großen Teilen mit mir umgegangen bin, als wäre ich wertlos, ein Stück Dreck. Gefühlt kommt es mir sogar noch länger vor. Gefühlt ist es mein gesamtes Leben. Denn an die unbeschwerten Zeiten in Kindergarten und Grundschule und das erste Jahr der Oberstufe erinnere ich mich nur bedingt. Die große, zusammenhängende Gefühlswelt startet bei mir ab ca. 14 Jahren. Seitdem übe ich konsequent Selbsthass gegen mich aus.

Erste Erfahrung mit Psychotherapie

Erste Berührungen mit Psychotherapie hatte ich bereits mit 12 Jahren. Ich zeigte in der Schule Verhaltensauffälligkeiten (Klorollen anzünden und behaupten, es brennt und andere Dinge…). Meine Klassenlehrerin, eine unglaubliche Frau, ging super damit um und empfahl meinen Eltern mit mir doch mal zu einer Familienberatungsstelle zu gehen. Die Frau die sich dort mit mir und meiner Familie unterhielt, hat viel bewirkt und erste Knoten bei mir gelöst. Dementsprechend war meine erste Erfahrung mit Psychotherapie echt positiv. Ich besuchte sie noch ein paar Mal in den folgenden Jahren, vor allem in akuten Situationen.

Mit 16 habe ich es nicht mehr mit meinen Problemen ausgehalten und meine Eltern gebeten, mir bei der Suche nach einer richtigen Therapie zu helfen. Ich hatte das Glück auch hier wieder auf eine wahnsinnig tolle Kinder-und Jugend-Therapeutin zu geraten. Kurz vor meinem Abitur beendete ich die Therapie. Ich fühlte mich stabil und ausgeglichen. Damals wusste ich noch nicht, dass (bis dato) zwei weitere Therapien und ein Klinikaufenthalt folgen werden.

Aber zurück zum Selbsthass und meinem Weg der Besserung. Vor allem der Klinikaufenhalt und meine letzte Therapie, die ich im Juni 2020 beendet habe, haben dafür gesorgt, dass mir überhaupt erst bewusst wurde, wie ich mit mir umgehe. Ich habe erkannt, woher mein Verhalten unter anderem kommt, um letzten Endes neue Gedankenmuster etablieren zu können.

Spoiler Alert: Das ist nicht einfach und ich habe noch einen langen Weg vor mir. Aber das ist okay. 

Frau mit verschmiertem Mascara die sich ein auf Papier gemaltes Lächeln vor das Gesicht hält. Von Selbsthass zu Selbstliebe
Selbsthass ist alles, aber bestimmt nicht schön. Wenn du dich in meinen Worten wiederfindest, hol dir Hilfe!

Selbsthass – Weil ich es so kenne

In den letzten Monaten habe ich mir immer häufiger die Frage gestellt: Wieso sage ich diese Sätze zu mir? Mein Fazit ist recht plausibel: Es ist das, was ich kenne. Der Umgang mit mir,  den ich gelernt habe. Über viele, viele Jahre hinweg. Ein Muster, in das ich zurückfalle, wenn ich in einer stressigen Phase stecke. Und das, obwohl diese Sätze in solchen Phasen die schlechtesten Ratgeber sind. Denn ich habe meine neuen Verhaltensmuster noch (ich betone: NOCH) nicht so verinnerlicht, als dass sie unaufgefordert greifen würden.  Aber genau daran arbeite ich. Was mittlerweile ziemlich konstant funktioniert, ist der Gedanke: “Ich habe die Schnauze voll davon, mich selbst zu hassen.” 

Ich will mir erlauben, unproduktiv zu sein. Ich will mir erlauben zu essen, worauf ich Lust habe. Ich will vor die Tür gehen, ohne mir hundertmal den Kopf darüber zu zerbrechen, ob ich jetzt vermeintlich dick aussehe oder nicht.

Ich will mich nicht schlecht fühlen für Dinge, die absolut menschlich sind. Ich will mich nicht hassen für Dinge, die mein Körper macht, um mir Signale zu senden oder die so sind, wie sie sind, weil wir (mein Körper und ich) eine gemeinsame Geschichte haben. Ich will mir erlauben, unproduktiv zu sein. Ich will mir erlauben zu essen, worauf ich Lust habe. Ich will vor die Tür gehen, ohne mir hundertmal den Kopf darüber zu zerbrechen, ob ich jetzt vermeintlich dick aussehe oder nicht. Ich will akzeptieren, dass ich weniger Energie habe, wenn ich schlecht geschlafen oder am Tag zuvor enorm viel gemacht habe. Ich will auch mit Wassereinlagerungen im Körper einen guten Tag haben. Ich will nett zu mir sein, auch wenn ich “nur” einmal statt dreimal die Woche oder sogar gar kein Sport gemacht habe. Ich will endlich selbst- und nicht mehr fremdbestimmt leben. 

Ich habe die letzten zehn Jahre so viel davon abhängig gemacht, was andere Leute von mir denken könnten, wenn ich dieses oder jenes mache. Dabei habe ich komplett vergessen, was ICH will. Ich habe verlernt, auf meinen Körper und mein Gefühl zu hören. So sehr, dass ich meinen Sommerurlaub 2018 in einer Tagesklinik verbringen durfte(!) Einfach, weil ich nicht mehr konnte. Und genau das hört jetzt auf. Denn Ich bin es mir wert.

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2 Gedanken zu „10 Jahre Selbsthass – Ich habe die Schnauze voll davon!“

  1. Liebe Anna,

    danke für deine ungeschminkte Ehrlichkeit. Und deine Appell an Psychotherapie(n) und Tageskliniken als Chance. Das Verständnis geht zwar immer weiter in diese wie ich finde richtige Richtung, doch bei vielen hängt immer noch die Seelenklempnervorstellung fest, der erst gebraucht wird wenns durchs Dach schüttet – mit einer bröckeligen Fassade hat man noch selbst klarzukommen.

    Eine Bauchtasche voller Selbstliebe sollte zur Grundausstattung gehören. Vergiss sie nie auf deinem weiteren Weg! 😉

    Winterlich-sonnige Grüße,
    Annalena

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    • Wow, danke für das tolle Feedback! Das freut mich wirklich super doll! 🙈💛 Ich glaube auch, dass wir noch mehr und offener darüber sprechen müssen, wie es uns wirklich geht. Damit es irgendwann nicht mehr als „mutig“ sondern als selbstverständlich und unerlässlich angesehen wird, für sich zu sorgen und sagen zu dürfen, wenn es auch mal nicht so prall läuft!

      P.s meine Bauchtasche ist grade knackevoll! 😍
      Viele Grüße zurück!

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