„Lösch dich!“ Was Hassrede und Shitstorms auslösen können

Vor kurzem habe ich das erst Mal Hassrede in Form eines richtig heftigen Shitstorms erlebt. Und Halleluja, da ist wirklich viel Scheiße geflogen. So viel, dass es mich ziemlich aus der Bahn geworfen hat. Zu meinem Glück habe ich ein richtig cooles Team und musste da nicht alleine durch. Mit den längerfristigen Auswirkungen habe ich allerdings noch zu kämpfen.

Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es unter anderem um das Thema Depressionen, Suizid und rassistischen Mord. Wenn du damit Probleme hast, solltest du diesen Artikel nicht lesen oder dabei nicht alleine sein. 

Es gibt keine Vorbereitung auf Hassrede

Ich habe mich seitdem oft gefragt, ob ich mich darauf hätte vorbereiten können oder ob ich wirklich geeignet für den Job als Social Media Managerin bin. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es für sowas keine richtige Vorbereitung gibt. 

„Es wird dich treffen, die Frage ist dann nur noch: wie hart!?“

Es gibt zwar Coachings und es hilft auf jeden Fall, wenn du verstehst, warum Menschen ihren gedanklichen Abfall ungefiltert ins Netz rotzen – wenn du aber von der einen auf die andere Minute einer gigantischen Masse an negativen, hasserfüllten Kommentaren ausgesetzt bist, kannst du in noch so guter Konstitution sein – es wird dich treffen, die Frage ist dann nur noch: wie hart!?

Zahlen und Fakten zu Hassrede 

Wusstest du, dass laut einer Studie aus dem Jahr 2019 73 % der 18- bis 24-Jährigen angaben, schon mal von Hate Speech betroffen gewesen zu sein und etwa jede*r zehnte Bürger*in bereits Hassrede erfahren hat. Außerdem sind laut der Studie vor allem Geflüchtete, Muslim*a, aber auch politische Entscheidungsträger*innen das Ziel von rassistischer Hassrede und Hasskommentaren. Hassrede und gezielte Angriffe von Troll-Armeen sorgen dafür, dass Betroffene sich immer seltener trauen, ihre Meinung im Netz zu äußern. 

Hate Speech ist psychische Gewalt und kann bei Betroffenen Depressionen auslösen, Angsstörungen verursachen und bis zum Suizid führen. Am Beispiel einer kürzlich verstorbenen Influencerin wird sichtbar, was das schlimmstmögliche Ausmaß von Hate Speech und Shitstorms ist. Und sie war nicht die Erste. 

Panikattacken durch Hassrede

Ich wurde bei unserem Shitstorm glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt direkt angegriffen. Aber so unendlich viel Müll lesen zu müssen, der meine persönlichen Werte angreift und Menschen zum Ziel hat, die ich persönlich kenne, hat etwas mit mir gemacht. Um genau zu sein, habe ich durch diesen Shitstorm zwei Wochen lang wieder Panikattacken gehabt.

Und auch, wenn die grundsätzliche Situation mit Lockdown und Co. sicher einen großen Teil dazu beigetragen hat, dass ich nicht in der allerbesten Verfassung war – die Hasskommentare waren der Auslöser. Ich kann und will mir nicht vorstellen, wie es für Menschen sein muss, die so etwas ungefiltert in Bezug auf ihre Person abbekommen.  

Hassrede = Meinungsfreiheit!?

Und dabei will und werde ich keine Kommentare mehr gelten lassen wie: „Sie sind nun mal Personen des öffentlichen Lebens, die haben sich das ausgesucht“, oder „Das ist halt meine Meinung, Pech wenn du damit nicht umgehen kannst. Wir leben in einem Land, wo ich meine Meinung sagen darf.“ 

Ich werde in diesem Beitrag nur die hamloserenKommentare abbilden, weil ich den Rest nicht reproduzieren möchte. Wenn dich interessiert worum es geht, kommst du hier zum Video und kannst sie dir selbst durchlesen. 

Screenshopts sexistischer Kommentare unter einem YouTube Video. Aus dem Artikel: Lösch dich! Was Hassrede und Shitstorms auslösen können.

Dazu sollte noch gesagt werden, dass YouTube potenziell unangemessene Kommentare sperrt. Diese Kommentare müssen manuell gesichtet und freigegeben oder gemeldet bzw. gelöscht werden – und genau das ist mein Job. Dementsprechend sehe ich noch viel mehr, als das, was von vornherein öffentlich ist.

„Nur, weil eine Person in der Öffentlichkeit steht oder ein öffentliches Profil in den Sozialen Medien hat, heißt es nicht automatisch, dass du sie ungefiltert beleidigen kannst.

Generell reagiere ich mittlerweile höchst allergisch darauf, wenn diese Form von Gewalt mit der Generalausrede der Meinungsfreiheit begründet wird. Dazu möchte ich mit den Worten einer klugen und tollen Frau sagen: „Scheiße sein ist eine Entscheidung. Entscheidet euch anders.“

Die Anonymität des Internets lässt viele Menschen glauben, sie seien unantastbar. Aber nur, weil eine Person in der Öffentlichkeit steht oder ein öffentliches Profil in den Sozialen Medien hat, heißt es nicht automatisch, dass du sie ungefiltert beleidigen kannst.

„Am Beispiel Hanau haben wir gesehen, was passieren kann, wenn nicht eingeschritten wird.“

Und auch wenn die Meinungsfreiheit eines der höchsten Güter ist, die wir besitzen und ich verstehe, dass die Hürden hoch sein müssen, bis Kommentare strafrechtlich relevant sind – es muss früher eingeschritten werden, wenn Menschen online Hass verbreiten. Am Beispiel Hanau haben wir gesehen, was passieren kann, wenn nicht eingegriffen wird und eine für alle einsehbare, öffentliche Radikalisierung nicht verfolgt wird. Und auch das war kein Einzelfall.

Nach dem Shitstorm ist vor dem Shitstorm

Ich lerne gerade, damit umzugehen, aber es gibt eben auch die Tage, an denen ich das nicht aushalte. Das Wichtigste ist für mich hierbei, dass ich auf mich aufpasse und mir nur so viel zumute, wie ich vertrage und diese Tatsache offen mit meinem Chef und Kolleg*innen kommuniziere. Außerdem sage ich mir immer wieder , dass es nichts mit mir persönlich zu tun hat. 

Bisher sind Hassrede und Shitstorms in meinem Job zum Glück die Ausnahme, statt die Regel und ich darf grundsätzlich sehr viel mehr tolle Kommentare lesen und beantworten. Allerdings spüre ich die Auswirkungen bis heute, da bis heute immer noch täglich neue negative Kommentare reinkommen. Mal mehr, mal weniger schlimme. Und genau deshalb schreibe ich diesen Text. Hass hat weder etwas im echten Leben, noch in der Online-Welt zu suchen und wir müssen uns gemeinsam dagegen stellen. 

Denn Hassrede wird immer präsenter und die Täter*innen sind in der Regel gut organisiert. Sie wissen, was sie für eine Macht haben, wenn sie geschlossen einzelne Personen oder Beiträge attackieren und deshalb werden sie es immer wieder tun. Aber diese Macht dürfen wir ihnen nicht überlassen. 

Was können wir gegen Hassrede im Netz tun?

Melde Hassrede auf den entsprechenden Plattformen. Auf der Seite hassmelden.de kannst du Beiträge ebenfalls melden. Diese werden geprüft und wenn sie strafrechtlich relevant sind, zur Anzeige gebracht. Die Seite gibt es auch als App für Android und iOS. 

Wenn du das Gefühl hast, eine Diskussion kann sinnvoll sein – führe sie. Vergreife dich dabei aber nicht im Ton. Auch wenn es schwer fällt, bleibe höflich und respektvoll. Hass lässt sich nicht mit Hass bekämpfen. 

Lass’ dich nicht auf Diskussionen ein, die von Anfang an aussichtslos sind. Spare dir diese Kraft und nutze sie dafür, positive Dinge zu schreiben, die die Betroffenen unterstützen. 

Thematisiere das Problem in deinem Umfeld. Je mehr Menschen dafür sensibilisiert werden, desto stärker kann gegen dieses Problem vorgegangen werden. 

Wenn du kannst, engagiere dich in Vereinen, die sich gegen Hassrede einsetzen oder sich um Opfer solcher Angriffe kümmern. 

Wenn du selbst betroffen bist, suche dir Hilfe! Du musst und sollst das nicht allein durchstehen müssen. Das können zum Beispiel Familie und Freund*innen sein, psychologische Hilfe oder Vereine. 

Wir dürfen uns von Hassrede nicht einschüchtern und den Mund verbieten lassen. Der Hass darf nicht gewinnen.

Wenn du mit dem Thema Probleme hast, hole dir Hilfe!

Telefonseelsorge: 0800-111 01 11 oder 0800-111 02 22 (www.telefonseelsorge.de) Bei akuter (Suizid)Gefahr rufe direkt die 112 oder fahre selbst in die Notfall-Aufnahme einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Du kannst auch rund um die Uhr den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Tel.: 116 117 anrufen.

Titelbild: Carolina Heza on Unsplash

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2 Gedanken zu „„Lösch dich!“ Was Hassrede und Shitstorms auslösen können“

  1. Das grundsätzliche Problem der Hater*innen, sehe ich im Medium selbst. Wer verbirgt sich denn dahinter? Es sind arme Würstchen, die nichts auf die Kette bekommen. Und um sich mit dem eigenen Unvermögen nicht auseinander setzen zu müssen, werden die(a- social) Media Kanäle genutzt. Es ist doch herrlich einfach, aus der Anonymität andere Menschen zu beleidigen. Meistens wissen diese armseligen Gestalten noch nicht einmal, worum es wirklich geht. Außerhalb des Netzes sind diese Gestalten doch größtenteils lebensunfähig. Deshalb verbringe ich mein Leben weder auf Facebook oder Instagram, etc. Dazu ist das Leben einfach zu kurz, um mich mit solchen Neandertaler*innen zu beschäftigen.

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    • Das stimmt, die Anonymität ist ein großes Problem und lädt die Menschen dazu ein, alles zu schreiben, was sie wollen. Und ja, in den meisten Fällen wohl vor allem oder gerade weil sie Probleme mit sich selbst haben! Danke für deinen Kommentar Papa <3

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