Gendern ja oder nein? Mitgemeint ist nicht mitgedacht

Ein großes Thema unserer Zeit ist die geschlechtergerechte Sprache, bzw. einfacher formuliert, das Gendern. Lange gab es den gesellschaftlichen Konsens, dass mit dem generischen Maskulinum alle Geschlechter mitgemeint sind. Aber inzwischen gibt es immer mehr berechtigte Kritik an dieser ungleichen sprachlichen Gewichtung – Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Das Problem mit dem generischen Maskulinum

Da wir Frauen zum Glück mit jeder Generation freier und selbstbestimmter unseren Lebensweg gestalten können, ändert sich natürlicherweise auch die Sprache. 

Die klar definierte Rolle der Hausfrau und Mutter wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend aufgeweicht und durch weitere Rollen ergänzt. Gleichzeitig steigt die Zahl der Männer, die überwiegend weiblich besetzte Tätigkeiten – Erzieher, Hausmann, Pfleger – ausführen. 

„Da wir Frauen zum Glück mit jeder Generation freier und selbstbestimmter unseren Lebensweg gestalten können, ändert sich natürlicherweise auch die Sprache.“

Wir sind also inzwischen in einer Zeit, in der das generische Maskulinum eingestaubt wirkt, nicht mehr zeitgemäß ist. Deshalb wird im öffentlichen Diskurs immer wieder nach neuen Formen gesucht, um Frauen aktiv mitzusprechen und somit auch mitzudenken. Denn Studien belegen, dass beim generischen Maskulinum viel öfter eine männliche Person visualisiert wird.

Schon bei Kindern wird die Wahrnehmung durch das generische Maskulinum entscheidend beeinflusst.

Alle Geschlechter mitsprechen

Am bekanntesten und breitesten akzeptiert ist wahrscheinlich das Gendersternchen (Lehrer*innen). Zumindest ist es mir bisher am Häufigsten über den Weg gelaufen. Die neuere Form, die seit 2018 kursiert, ist der Gender-Doppelpunkt (Lehrer:innen). Dieser gilt als barrierefreier, da er von Screenreadern als Pause gelesen wird. Inzwischen veraltete Formen sind das Binnen-I (LehrerInnen) und der Schrägstrich (Lehrer/innen).

Ein Kritikpunkt der beiden zuletzt genannten binären Formen ist, dass hier neben der männlichen nur die weibliche Form abgedeckt ist. Seit Ende 2018 haben wir jedoch auch offiziell mit „divers“ ein drittes Geschlecht und zunehmend auch Forderungen, die noch einen Schritt weiter gehen und sich dafür aussprechen, geschlechtliche Zuordnungen in der Sprache ganz abzuschaffen. Die derzeit bekannteste Vertreterin dieses Ansatzes ist Lann Hornscheidt, deren Methode zur genderneutralen Sprache weiter unten im Text besprochen wird.

Sternchen, Doppelpunkt und Gender-Gap (Lehrer_innen) haben den Vorteil, dass sie den Raum für weitere Geschlechter öffnen. Diese Formulierungen sind deshalb momentan die am breitesten verwendete Form der geschlechtergerechten Sprache. Denn nicht nur im Schriftbild, sondern auch im Sprachfluss sind sie relativ leicht umzusetzen und irritieren kaum. 

„In geschriebenen Texten überliest man die weibliche Endung eher, im Gespräch ist man gezwungen, sich damit auseinander zu setzen.“ 

Als vor einer Weile Freund:innen und Kolleg:innen angefangen haben, beim Sprechen zu gendern, war ich kurz irritiert, fand es aber schnell sehr schön und richtig, weil gesprochene Sprache gefühlt viel mehr Einfluss hat, als geschriebene. In geschriebenen Texten wird die weibliche Endung eher überlesen, im Gespräch ist man gezwungen, sich damit auseinander zu setzen. 

Inzwischen gendern immer mehr Medien, auch Radio Fritz hat das gesprochene Gendersternchen vor Kurzem eingeführt. Es scheint so, als würde gegenderte Sprache immer mehr in der Mitte der Gesellschaft ankommen.

Person hält Schreibtafel mit Pronomenauswahl vor sich. Aus dem Artikel Gendern im Alltag – mitgemeint ist nicht mitgedacht
Seit Ende 2018 haben wir auch offiziell mit „divers“ ein drittes Geschlecht. © Sharon McCutcheon/Unsplash

Geschlechtergerechte Sprache weiter gedacht

Wie oben schon erwähnt, gibt es inzwischen auch Vorschläge, die die geschlechtliche Zuordnung in der Sprache ganz abschaffen wollen.

Die radikalste Form, die einige Anhänger:innen hat, ist die grundsätzliche Abschaffung der weiblichen Endung -in, sodass die bisher maskuline Form zur neutralen Bezeichnung wird. Vorteile sehen die Verfechter:innen dieser Methode vor allem darin, dass z.B. bei Berufen, in denen das Geschlecht irrelevant sein sollte, dieses nicht hervorgehoben wird und Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts weniger wahrscheinlich werden.

„Die Abschaffung der weiblichen Endung würde viel eher zu einer tieferen sprachlichen Benachteiligung für Frauen und nicht-binäre Personen führen.“

Vorlage dieses Vorschlags ist die englische Sprache, in der es schon seit 500 Jahren keinen grammatischen Genus gibt. Allerdings gibt es den in der deutschen Sprache, weshalb ich persönlich der Meinung bin, dass die Abschaffung der weiblichen Endung viel eher zu einer tieferen sprachlichen Benachteiligung für Frauen und nicht-binäre Personen führen würde.

Andere Ansätze finden neue neutrale Formen nach neuen Regeln. So schlägt zum Beispiel Lann Hornscheidt, eine genderneutrale Wissenschaftler:in auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft und Gender Studies vor, mit einem x neutrale Formen zu bilden: Das wären dann das Studierx, das Professx und das Wissenschaftx.

Diese Form ist, zugegeben, ziemlich sperrig, löst aber das Problem, dass sich nicht alle Personen angesprochen fühlen.

Alles ist plötzlich niedlich

Und dann bin ich neulich auf einen Artikel bei Spiegel Online gestoßen, in dem es um das „Entgendern nach Phettberg“ geht. Hermes Phettberg, ein österreichischer Aktionskünstler und Kolumnist, gendert in seinen Texten ähnlich wie Hornscheidt, verwendet allerdings ein y anstelle des x. Der Germanist Thomas Kronschläger hat daraus eine Methode entwickelt, mit der wir alle auf einfachste Weise genderneutral sprechen können. Und dazu klingt alles auch noch mega niedlich!

Die Methode ist simpel: An den Wortstamm wird ein y angefügt, der Artikel ändert sich zu das. Aus dem Bäcker bzw. der Bäckerin wird so das Bäcky. Und du bist gerade das Lesy, während ich jetzt gerade das Bloggy bin. Niedlich, oder?

„Für den Lehrling, den Liebling und den Widerling gibt es aktuell gar keine weiblichen Bezeichnungen. Mit der Methode nach Phettberg gibt es das Lehrly, das Liebly und das Widerly, die alle Geschlechter mit einbeziehen.“

Diese Form der Sprache hat aber noch weitere Vorteile: Lange Worte, wie z.B. Bürgermeistergehilfe, das, korrekt mit Gendersternchen gegendert, zum Bürger*innenmeister*innengehilf*in werden würde, könnte mit dieser Methode zum weniger sperrigen Bürgymeistygehilfy werden – und dabei komplett gendergerecht sein!

Auch Personenbezeichnungen, die auf -ling enden, können nach Phettberg leichter gegendert werden. Denn für den Lehrling, den Liebling und den Widerling gibt es aktuell gar keine weiblichen Bezeichnungen. Mit der neuen Methode gibt es das Lehrly, das Liebly und das Widerly, die alle Geschlechter mit einbeziehen.

Die Methode nach Phettberg bietet also sogar noch mehr Möglichkeiten, als unser jetziger Sprachgebrauch.

Bewusstsein ist die Hauptsache

Im Moment wird viel darüber diskutiert, wie wir die Sprache, unser wichtigstes Instrument zur Darstellung der Wirklichkeit, gerechter gestalten können. Oft wird aber auch die Diskussion geführt, ob wir diese Diskussion überhaupt brauchen. Und meine Meinung dazu ist ganz klar: Ja! 

So, wie die Welt sich jeden Tag verändert, tut es auch die Sprache. Das muss sie nämlich, damit wir alles Neue ausdrücken können, das tagtäglich entwickelt wird oder einfach passiert. Und ich habe das Gefühl, dass sich immer mehr Menschen wirklich Gedanken dazu machen, wie Frauen und nicht-binäre Personen auch sprachlich nicht mehr nur „mitgemeint“ sondern auch aktiv mitgesprochen und somit mitgedacht werden.

„So, wie die Welt sich jeden Tag verändert, tut es auch die Sprache. Das muss sie nämlich, damit wir alles Neue ausdrücken können, das tagtäglich entwickelt wird oder einfach passiert.“

Mein persönlicher Favorit ist das „Entgendern nach Phettberg“, da hier wirklich alle Geschlechter gleichermaßen eingeschlossen werden. Allerdings ist diese Form ein weitaus größerer Eingriff in die gewohnte Sprache, als es zum Beispiel das Gendersternchen ist. Die weibliche Form -in kennen wir schon seit dem Mittelalter und sind sie dementsprechend gewohnt. Sie an das ebenfalls gewohnte generische Maskulinum anzuhängen, ist schnell eingeübt und auch gesellschaftlich breiter akzeptiert.

Ich denke, am wichtigsten ist ein Bewusstsein dafür, dass wir mit Sprache nicht nur die Realität abbilden, sondern sie auch formen und uns deshalb bewusst sein sollten, wie wir Menschen bezeichnen wollen. Wenn wir danach auch sprachlich handeln, tragen wir aktiv zu einer gerechteren Welt bei.

Wie sieht’s bei dir aus? Genderst du im Alltag? Wenn ja, in welcher Form?

Titelbild: Foto von Al Soot auf Unsplash

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2 Gedanken zu „Gendern ja oder nein? Mitgemeint ist nicht mitgedacht“

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